Biodiversität in der Raumplanung

Ausgangslage
Die Schweiz wird immer stärker zugebaut; Verkehrsinfrastruktur, Siedlungsfläche und auch verbaute Flächen in der Landwirtschaftszone nehmen laufend zu. Zwischen 1985 und 2018 hat die Siedlungsfläche in der Schweiz um fast 30 Prozent zugenommen. Diese Ausdehnung geht hauptsächlich auf Kosten von landwirtschaftlichem Kulturland.

Siedlungen als Ersatzstandorte oder neue Refugien für Arten
Im Siedlungsraum können mit zielgerichteten Massnahmen Ersatzlebensräume geschaffen werden, die aus den intensiv genutzten Agrarlandschaften verschwunden sind. So können richtig gestaltete Gärten, Park- und Friedhofsanlagen, Baumgruppen, Schuttflächen, Brachen, Böschungen entlang von Strassen und Schienen, offene Wasserflächen, begrünte Dächer und Fassaden usw. ein Mosaik von Lebensräumen bilden, von denen zahlreiche Arten, insbesondere Kleinlebewesen und Pflanzen, profitieren können. Dazu müssen all diese ökologisch wertvollen Standorte richtig gepflegt und angelegt werden. Es ist aber auch wichtig, dass innerhalb des Siedlungskörpers Vernetzungselemente entstehen. Ein super ökologischer Garten inmitten von asphaltierten und naturfernen Strukturen ist zwar ein Anfang, kann aber nur sehr begrenzte Wirkung entfalten; sehr viele Arten sind auf Austausch angewiesen, dazu brauchen sie die entsprechenden Korridore und Vernetzungselemente. Grün- und Gewässerräume in den Siedlungen sind Orte zur Erholung und Bewegung, sie stiften Identität. Zudem, und dies dürfte in Zukunft noch viel wichtiger werden, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an die Effekte des Klimawandels, indem sie kühlen, zur Wasserspeicherung beitragen, bei Starkniederschlägen ausgleichend wirken und die Luftzirkulation fördern.

Akteure
Damit die Biodiversität in den nächsten Jahren im Siedlungsraum ansteigen kann, braucht es insbesondere private Grundeigentümer, Projektverfasser und Entwickler, die ein Sensorium für diese Thematik entwickeln. Sie setzen mit ihrem konkreten lokalen Handeln direkt Massnahmen zur Biodiversitätsförderung um. Im Weiteren kommt der kommunalen Ebene, den Städten und Gemeinden eine tragende Rolle zu; einerseits können die Gemeinden mittels Vorbildfunktion ihre eigenen Liegenschaften viel naturnaher bewirtschaften als in früheren Zeiten, andererseits können sie in ihren grundeigentümerverbindlichen Rechtsgrundlagen (Zonenplan, Baureglement) mit entsprechenden Bestimmungen gewisse Qualitätsstandards vorgeben.

Konkrete Massnahmen
Jeder einzelne Grundstücksbesitzer im Siedlungsraum kann mit kleinen Massnahmen zu einer Förderung der Biodiversität beitragen. Als Beispiele seien erwähnt: naturnahe Wiesen gestalten; wo es ins Konzept passt, den grünen Rasen, bestehend aus einer oder zwei Arten ersetzen mit einer vielfältigen Blumenwiese; einheimische, eher hitzeresistente Baum- und Straucharten setzen, Ersatz schaffen für artenlose Steingärten, einen Teich anlegen, wenn es der Platz erlaubt (Achtung: ist baubewilligungspflichtig), Hecken entlang von Grenzen und Wegen pflanzen, Asthaufen darin anlegen als Unterschlupf für Kleinsäugetiere wie Igel usw. usw.

Projektentwickler oder allgemein Bauherren können bei Neubauprojekten zusammen mit einem guten Landschaftsplanungsbüro sehr viel schon rechtzeitig in der Projektierungsphase beachten; z.B. Tiefgaragen nur noch unter Gebäuden erstellen, damit der Wurzelraum für Bäume erhalten bleibt, naturnahe Gartengestaltungen usw.

Wir haben in der Schweiz eine Biodiversitätskrise, sprich einen grossen Artenschwund. Auch im Siedlungskörper kann insbesondere für Kleinlebewesen wie Wildbienen, Heuschrecken, Schmetterlinge usw., aber auch für Kleinsäuger und einheimische Pflanzenarten durch geeignete Massnahmen viel getan werden. Gemäss den liberalen Grundsätzen der UFS kann jeder Grundeigentümer in Eigenverantwortung im Kleinen viel zu einer gesteigerten Biodiversität beitragen.

Ueli Strauss-Gallmann
Dipl. Forsting. ETH, war als Kreisförster und Kantonsforstmeister in den Kantonen Schaffhausen und Zürich tätig. Als langjähriger Leiter des Amtes für Raumentwicklung und Geoinformation des Kantons St.Gallen und heute Inhaber eines Beratungsbüros für Raumentwicklung ist er ein Experte im Zusammenhang mit allen Fragen der Boden- und Landschaftsnutzung.

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