Bodenaufwertung: eine heikle Operation
Im 19. Und 20. Jh. wurden an vielen Orten in der Schweiz Moore trockengelegt, um Boden für die Landwirtschaft zu gewinnen. Bei der Trockenlegung wird dem Moor das Wasser entzogen. Der Torf – das organische Material, das durch den unvollständigen Abbau abgestorbener pflanzlicher Substanz im dauernd nassen Boden entsteht – verliert seine Stütze und sackt zusammen. Gleichzeitig gelangt Luft in die entwässerten Poren, sodass sich der Torf zu zersetzen beginnt. Dabei wird viel Kohlendioxid freigesetzt. Am Schluss des Zersetzungsprozesses bleibt nur noch wenig fruchtbarer Boden (5-10 cm) übrig. Oft liegt unter dieser dünnen Bodenschicht Lehm, der das Wasser staut. Auf solch einem Stück Land wächst nur noch schlechtes Gras.
Seit Anfang 2016 schreibt die Eidgenössische Abfallverordnung (VVEA) vor, dass die jährlich auf Schweizer Baustellen anfallenden etwa 15 Millionen Kubikmeter Ober- und Unterboden in der Landwirtschaft verwendet werden müssen, sofern er sich dazu eignet und frei ist von Schadstoffen und invasiven Arten. Mit ihm sollen Böden aufgewertet werden, die durch menschliche Eingriffe in ihrer Fruchtbarkeit beeinträchtigt oder – so der Fachbegriff – «anthropogen degradiert» wurden. Das betrifft zum Beispiel Böden auf rekultivierten Gruben oder Deponien, auf Installationsplätzen ehemaliger Baustellen oder über dem Trassee von Gasleitungen. Durch Auftragen von geeignetem Bodenmaterial lassen sich manche dieser degradierten Flächen wieder in fruchtbares Ackerland verwandeln. Oft wurde die Rekultivierung nach dem Eingriff zu wenig sorgfältig durchgeführt. Entsprechend schlecht ist heute die Bodenqualität.
Das Beispiel eines Projektes zur Kulturlandverbesserung auf dem Grundstück im «Weiher» von Landwirt Peter Blatter auf dem Längenberg südlich von Bern zeigt, wie aufwändig eine gute Bodenaufwertung ist.
Sorgfältige Planung und Durchführung
Beginn der Arbeiten war im Jahr 2013. Sie erfolgten etappenweise: Zunächst wurde die noch vorhandene Ackerkrume abgetragen und am Rand der Projektfläche zwischengelagert. Nach der Sanierung der Drainagen wurde der nackte Lehm mit einer 40 bis 100 Zentimeter dicken Schicht Aushub (Bodenmaterial des C-Horizonts), überdeckt. Darüber liegen rund 80 Zentimeter Unterboden (B-Horizont) und zuoberst eine 30 Zentimeter mächtige Decke Oberboden (A-Horizont). Für Letztere wurde zum Teil das vor Ort kurz zuvor fachgerecht abgetragene Material verwendet, den Rest beschafften sich die zwei am Projekt beteiligten Bauunternehmen aus diversen Baustellen der Region. Nachdem das Bodenmaterial aufgetragen war, säte der Landwirt eine Mischung aus Gras, Klee und Luzerne an. Mit ihren teils bärtigen, teils in die Tiefe vorstossenden Wurzeln sorgen die Pflanzen für gelockerten und strukturierten Boden. Während 3 bis 4 Jahren wurde die Fläche nur als Wiese benutzt und bloss mit möglichst leichten Maschinen befahren. Dies gewährleistet, dass sich wieder fruchtbarer Ackerboden entwickelt, der seine vielfältigen Funktionen zu erfüllen vermag. Ab 2020 war die erneute Nutzung des Geländes für Ackerbau geplant. Ein bodenkundlicher Baubegleiter (BBB) hat das Projekt vom Konzept bis zur Bauübergabe unterstützt. Baubegleiter:innen sorgen dafür, dass nur geeignetes Bodenmaterial verwendet sowie am passenden Ort und zur richtigen Zeit ausgebracht wird. Bei nasser Witterung beispielsweise müssen die Arbeiten unterbrochen werden. Die Fachleute empfehlen generell eine Ausführung der Arbeiten während der Vegetationszeit, weil die Böden im Winter nur selten fest gefrieren und fast nie ausreichend abtrocknen. Die Bauunternehmen möchten aus Effizienzgründen oft möglichst viel Material abgeben, aus bodenkundlicher Sicht ist hingegen allein die Qualität massgebend. Ein Vorgehen nach einem starren Schema führt nicht zum Ziel, da jeder Boden anders ist.
Eine genaue Analyse des Rheintaler Bodens
In der Ebene des St. Galler Rheintals zwischen Oberriet und Widnau wurde im 19. Jh. durch die Rheinregulierung, die Binnengewässerkorrektionen und später die Melioration der Wasserhaushalt verbessert und nasse, periodisch überschwemmte Böden in fruchtbares Land verwandelt. Auch hier findet durch die künstliche Drainage allmählich eine flächige Sackung der Terrainoberfläche statt und gefährdet die Fruchtbarkeit des Bodens. Im Zusammenhang mit dem Projekt Rhesi (Rhein – Erholung und Sicherheit) wird Material aus Rheinsedimenten anfallen, das für Bodenverbesserungsmassnahmen eingesetzt werden könnte. Solche Massnahmen müssen auf die lokalen Bodenverhältnisse angepasst werden. Deshalb ist eine solide Datengrundlage notwendig. Forscher:innen der Berner Fachhochschule, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, haben im Auftrag des Vereins St.Galler Rheintal und in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Landwirtschaftsamt vom März 2018 bis Dezember 2023 in einem aufwendigen Verfahren alle landwirtschaftlich genutzten organischen Böden zwischen Oberriet im Süden und Heerbrugg im Norden kartiert und bewertet. Der Zielperimeter umfasste schlussendlich 4’852 ha. Es zeigte sich, dass die Drainagetiefe der wichtigste Faktor bezüglich des Wasserhaushaltes, der Sackungsrate und dem Abbau von organischer Substanz im Oberboden ist. Der Einfluss der Bodenbearbeitung und der Ernte im Perimeter ist dadurch meist zweitrangig.
Die Forscher:innen kamen zum Schluss, dass mit dem wiederholten Ausbringen von mineralischem Material über einen längeren Zeitraum hautpsächlich dort gute Resultate erzielt werden, wo der Oberboden bereits heute einen hohen mineralischen Anteil aufweist. Bei organischen, tieftorfigen, stark abgesackten Böden stellt sich die Frage, ob diese Flächen nicht besser einer extensiven Bewirtschaftung zugeführt werden sollen.
Claudia Klinkmann




