Warum brauchen wir Biodiversität?

 
Gemüsemarkt Riobamba 2010

Gemüsevielfalt auf dem Markt in Riobamba, Ecuador.

Der Wert der Biodiversität
Dem Themenpapier zur Biodiversität des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) aus dem Jahr 2008 zufolge umfasst der Wert der Biodiversität drei Aspekte: den direkten und indirekten Gebrauchswert, den Vermächtnis- und Existenzwert sowie den Optionswert.

Unter dem Gebrauchswert wird die Natur als Quelle für Nahrungs-, Futter- und Heilmittel und als Rohstofflieferant (z.B. von Holz als Baustoff oder für die Papier-herstellung, von Seide oder Baumwolle für Textilien etc.) verstanden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Gebrauchswert vieler Organismen heute noch gar nicht klar ist, d.h. dass hier noch Potential für neue Entdeckungen vorhanden ist. Zum Gebrauchswert wird auch die Tatsache gezählt, dass die Biodiversität bei der Erzeugung und Aufrechterhaltung von Ökosystemleistungen eine wichtige Funktion übernimmt.

Der Respekt gegenüber künftigen Generationen und gegenüber dem Leben allgemein gebietet es, die Vielfalt an Pflanzen, Tieren, Pilzen und Mikroorganismen zu achten und zu erhalten. Die biologische Vielfalt der Landwirtschaft wurde auch durch Selekti-on und Züchtung durch unsere Vorfahren erwirkt und verdient als Teil unseres kul-turellen Erbes Anerkennung. Diese Aspekte bezeichnet man als den Vermächtnis- und Existenzwert der Biodiversität.

Unsere Rückversicherung für die Zukunft
Krankheiten oder Katastrophen können dazu führen, dass Organismen verschwinden. Auch die Lebens- und Produktions-bedingungen können sich verändern, so dass der Mensch künftig auf Arten oder genetische Ressourcen angewiesen sein wird, deren Nutzen wir heute vielleicht noch gar nicht kennen. Unter diesem Gesichtspunkt spricht man vom Optionswert der Biodiversität. Und dieser Aspekt könnte in Zukunft von grösster Bedeutung sein. Schon die Vergangenheit zeigt, dass Artenvielfalt überlebenswichtig sein kann. 1842 trat in Nordamerika erstmals die Kartoffelfäule auf und vernichtete die gesamte Ernte. Der Pilz Phytophthora infestans als Auslöser dieser Krankheit verbreitete sich in der Folge rasant über die ganze Welt. In Irland richtete er besonders grossen Schaden an und löste eine riesige Hungerkatastrophe aus: Von Oktober 1845, als der Pilz die ganze Ernte zerstörte, bis ins Jahr 1848 verhungerte rund 1 Million Menschen und eine weitere Million wanderte aus. Warum war das möglich?

Kleine Ursache – grosse Wirkung
Es existieren rund 5‘500 Kartoffelsorten. Viele dieser Sorten sind gegen Kartoffel-fäule resistent. In Irland wurden 1845 jedoch nur zwei Kartoffelsorten angebaut, von denen keine gegen den Pilz Phytophthora infestans resistent war. Deshalb konnte ein einziger „kleiner“ Auslöser auf einen Schlag die Ernten für mehrere Millionen Menschen vernichten.

Auch heute bedrohen diverse Gefahren unsere landwirtschaftlichen Kulturen: Der Feuerbrand ist eine Pilzkrankheit, die vor allem Kernobstgewächse befällt und in den vergangenen Jahren in der Ostschweiz grossen Schaden angerichtet hat. Mit dem Antibiotikum Streptomycin meinte man ein Mittel gegen die infektiöse Baumkrankheit gefunden zu haben. Doch dadurch entstand neuer Schaden, weil tonnenweise Honig vernichtet werden musste, der Rückstände dieses Antibiotikums aufwies.

Ausserdem bedroht das Bienensterben unsere Nahrungsmittel: von den 100 Pflan-zenarten, mit denen die Menschen zu 90 Prozent ihre Ernährung bestreiten, werden mehr als 70 Arten von Bienen bestäubt. Doch in manchen Gegenden der nördlichen Erdhalbkugel sind in den vergangenen Jahren bis zu 85 Prozent der Bienenschwärme Krankheiten oder der Umweltverschmutzung zum Opfer gefallen.

In Afrika bedroht der Cacao Swollen Shoot Virus (CSSV) die Kakaopflanzen und in Brasilien werden die Kakaopflanzen von der Hexenbesenkrankheit befallen, die vom Pilz Crinipellis perniciosa ausgelöst wird. Weil der Anbau von Kakao immer stärker monokulturell geprägt ist, können sich Krankheiten schneller ausbreiten. Die intensive Landwirtschaft setzt die Kulturen zusätzlich unter Stress, was diese anfälliger macht.

Auch die Massentierhaltung begünstigt eine schnelle Ausbreitung von Parasiten und Krankheitserregern, weshalb Tierseuchen häufig in der Massentierhaltung auftreten. Vor nicht allzu langer Zeit führte die Verbreitung der Vogelgrippe zur massenhaften Schlachtung von Geflügel.

Biodiversität als Chance für die Zukunft
Der Klimawandel führt dazu, dass viele Organismen sich neuen Lebensbedingungen anpassen müssen. Der immer enger werdende Lebensraum auf unserem Planeten resp. die Verdichtung der besiedelten Gebiete und die Mobilität begünstigen die weltweite Verbreitung von Krankheitserregern und Seuchen. Monokulturen stellen bezüglich der Anfälligkeit für Krankheiten und der Lebensbedrohung durch veränderte Verhältnisse ein „Klumpenrisiko“ dar. Deshalb müssen wir auf Biodiversität setzen, wenn wir langfristig überleben wollen. Denn die pflanzliche und tierische Vielfalt ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Selektion und Züchtung. Und die Erhaltung des Genpools könnte für das Überleben der Menschheit und ihrer Nahrungsgrundlagen entscheidend werden.

Weil Biodiversität so wichtig ist, setzen sich die Umweltfreisinnigen für ein ostschweizerisches Kompetenzzentrum für Biodiversität am Naturmuseum St.Gallen ein.

Nicole Zürcher Fausch | Präsidentin UFS | Oktober 2011

 


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