Wie wir uns morgen bewegen

 
Fortbewegungsmittel der Zukunft?

Fliegen wir in Zukunft in Telefonkabinen durch den Raum? Vision aus dem Fotowettbewerb 2018

Knapp 40 Interessierte waren am 3. September mit dabei, als ZHAW-Dozent Dr. Thomas Sauter-Servaes in den Räumlichkeiten der Fachhochschule St. Gallen darlegte, wie sich die Mobilität in den nächsten Jahren entwickeln könnte.

Das Auto, das wurde deutlich aufgezeigt, ist eine äusserst ineffiziente Maschine: 25 % der eingesetzten Energie stehen als Nutzenergie zur Verfügung (der Rest ist Abwärme). Der Nutzmodus liegt bei 20 %, das heisst im Durchschnitt ist etwas mehr als einer, der meist fünf vorhandenen Sitze genutzt. Die Nutzzeit, ein weiterer wichtiger Faktor, liegt bei 5 %, so dass besser von „Stehzeug“ als von Fahrzeug gesprochen werden sollte. Und nicht weniger bedeutend ist auch die Frage der Sicherheit: Auch hier ist in absehbarer Zeit eine deutliche Steigerung möglich, wenn weniger der Mensch und mehr das Auto lenkt und denkt. Zukünftige, gemeinsam genutzte, elektrisch betriebene und selbstfahrende Fahrzeuge können mit ganz anderen Werten aufwarten.

Die Automobilbranche ändert sich drastisch, denn die Digitalisierung hat seit einiger Zeit auch die Autos erfasst. Aber nicht nur die Automobilindustrie erfährt Veränderungen, sondern genauso die Nutzerinnen und Nutzer, die dank zukünftiger und zum Teil schon heute vorhandener Apps Fahrzeuge teilen und nicht mehr selbst besitzen. Der Referent sprach von den «vier apokalyptischen Reitern der Digitalisierung», zu denen er die Firmen Google, Apple, Facebook und Amazon zählt. Durch diese Unternehmen werde sich das Sharing- Potenzial massiv vergrössern. Denn beim Auto dürfe es keinesfalls sein wie bei der Bohrmaschine: Die meisten haben eine, nutzen sie jedoch nur während weniger Minuten im Jahr. Wenn das Teilen von Autos wirklich in dem von Herrn Sauter aufgezeigten Masse realisiert wird, dann hat das auch enorme Auswirkungen auf den öffentlichen Verkehr. Er zeigte dies mit deutlichen Zahlen: 75 Prozent der Sitze in PKWs sind während der Fahrt nicht benutzt. Rechnet man das hoch, sind in der Schweiz bis zu 16 Millionen Sitze frei. Im öffentlichen Verkehr existieren lediglich 600’000 Sitze. So könnten die Sitze aus dem motorisierten Individualverkehr mit Hilfe von Software in einen «Quasi-ÖV» überführt werden.

Das gemeinsame Nutzen von Fahrzeugen wird dank selbstfahrender Autos einfacher werden. Diese werden autonom zum nächsten Ort fahren und von dort aus wiederum Mitfahrende auf der Strecke ein- und ausladen. Tesla-Chef Elon Musk ging davon aus, dass das autonome Fahrzeug bereits 2019 im Einsatz stehen werde. Laut Sauter müssen wir noch ein paar Jahre länger warten. Im Jahr 2030 werde unser Verkehr wirklich anders aussehen, ebenso das Auto, das als «Microhome» zum fahrenden Homeoffice werde.

Anscheinend gibt es zwei Visionen: Private Fahrzeuge werden in einem Pool genutzt oder es gibt keine Privatautos mehr, sondern nur noch «öffentliche» Pools, wo wir uns bedienen können. Schon in naher Zukunft wird wohl «Mobilität as a Service» Alltag werden. Bereits heute sind die grossen Technologiekonzerne daran, sich dieses Geschäftsfeld zu erschliessen. In der Schweiz sind Aktivitäten von SBB, Swisscom, Post in Zusammenarbeit mit Google und Automobilherstellern festzustellen.

Thomas Sauter zeigte drei Aspekte der Veränderung auf:

1. Das Automobil vernetzt sich mit der Aussenwelt, es ist also auch "connected".

2. Die Automobile erfahren immer weniger Unterscheidung zwischen individueller und öffentlicher Nutzung, sie werden also "collaborative".

3. Die zukünftigen selbstfahrenden, bestellbaren Roboter-Autos ermöglichen anstelle der Lenk- neu eine Nutzzeit. Das Automobil wird endlich "convenient".

Doch Sauter warnt: Der einfache Zugang zu Autos könne durchaus dazu führen, dass wir noch mehr fahren. Die Menschen werden vermutlich deutlich mobiler werden. Dass durch den befürchteten Mehrverkehr die möglichen Energieeinsparungen gleich wieder zunichte gemacht werden, ist leider durchaus denkbar.

Eines wurde an diesem Abend klar: Wohin uns unser Mobilitätsverhalten führt, ist noch nicht genau vorhersehbar. Dass es sich ändert, das ist jedoch gewiss. Es ist deshalb besonders wichtig, dass Änderungen immer auch kritisch begutachtet werden und die Chancen, die sich ergeben genutzt werden, den Gefahren jedoch entsprechend entgegengewirkt wird.

Daniel Gerber | Oktober 2018

 


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