Potenzial der Wasserkraftanlagen im Kanton St.Gallen

2022 haben die Fraktionen von SVP, FDP und Mitte-EVP von der Kantonsregierung verlangt, das zusätzlich nutzbare Wasserkraftpotenzial im Kanton St.Gallen zu analysieren. In aufwendiger Arbeit wurde ein Grundlagenbericht erstellt und dem Kantonsrat am 22. April 2025 unterbreitet. Wir haben das Wesentliche aus dem Bericht für euch zusammengestellt:

Ausgangslage
Im Kanton St.Gallen werden jedes Jahr rund 3’400 GWh Strom verbraucht. Dieser Bedarf ist seit mehreren Jahren konstant. Rund 80 Prozent des Stroms werden in Industriebetrieben und rund 20 Prozent in Haushalten genutzt. Im Kanton St.Gallen sind aktuell 140 Wasserkraftanlagen in Betrieb. In den letzten zehn Jahren produzierten diese im Durchschnitt 603 Gigawattstunden (GWh) Strom je Jahr, mit grossen Schwankungen zwischen den Jahren. Damit wurde im Durchschnitt rund 18 Prozent des Strombedarfs im Kanton auch aus Wasserkraft aus dem Kanton gedeckt. Durch den Ausbau von Fotovoltaik sinkt der Anteil der Wasserkraft an der Stromproduktion, was jedoch die Bedeutung der Wasserkraft nicht verringert, da Pumpspeicherwerke wichtig sind, um den Strom aus Fotovoltaikanlagen zu speichern und zu integrieren.
140 Anlagen produzieren also 603 GWh, im Durchschnitt 4.3 GWh pro Anlage? Nein, der Anteil des produzierten Stromes ist sehr unterschiedlich. «Gigerwald-Mapragg-Sarelli» der Kraftwerke Sarganserland AG ist die grösste Anlage im Kanton und produziert mit 450 GWh mehr als die Hälfte. Zwölf weitere mittelgrosse Kraftwerke wie der Kubel in St.Gallen mit rund 30 GWh und Schils-Flums mit 48 GWh steuern weitere 30% bei, der Rest kommt aus 127 Klein- und Kleinstanlagen. Wie also soll die Produktion effizient erhöht werden? Mit wenigen Grossanlagen oder mit vielen kleinen?
Der aktuelle Eintrag im Richtplan zum Thema Wasserkraftnutzung besagt, dass der Ausbau der Wasserkraft vor allem durch die Erneuerung und Erweiterung bestehender Anlagen erfolgen soll. Dabei sollen vor allem Gewässer genutzt werden, die bereits für den Hochwasserschutz stark verbaut sind und bei denen der Fischauf- und -abstieg wiederhergestellt werden kann. Neue Wasserkraftanlagen sollen nach einheitlichen Kriterien zum Schutz und zur Nutzung bewertet werden. 

Wo hat es noch Potenzial?
Das zusätzlich erschliessbare Gesamtpotenzial an Wasserkraft für den Kanton St.Gallen besteht aus drei Teilen:
Noch nicht genutzte Gewässer: Bei 57 der untersuchten Gewässer wäre unter Einhaltung der Schutzvorschriften eine Nutzung grundsätzlich möglich und wird auf rund 20 GWh je Jahr geschätzt. Wirkliches Potenzial hätte ein Flusskraftwerk im Rhein, das rund 50 GWh im Jahr produzieren könnte. Obwohl der Bau eines Kraftwerkes im Alpenrhein umstritten ist, wird im Bereich des Ellhorns bei Sargans eine Machbarkeitsstudie erstellt.
Optimierung und Ausbau bestehender Wasserkraftanlagen: Es gibt vier Projektideen für neue Speicher- und/oder Pumpspeicheranlagen im Kanton St.Gallen (Erhöhung der Staumauer am Gigerwaldstausee, Tüfwaldsee, ein neuer Stausee hinter dem Gigerwald, ein Pumpspeichersee im Einzugsgebiet des Walensees und eine Einstauung des Viltersersees zu einem Pumpspeichersee). Diese Konzepte bieten hohe Produktions- und Speicherpotenziale, besonders für Winterstrom. Das realistische zusätzliche Potenzial wird auf rund 12 GWh je Jahr geschätzt. Es liegen jedoch noch keine konkreten Angaben vor. Die Projekte werden derzeit wegen bautechnischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Herausforderungen nicht weiterentwickelt.
Trinkwasserkraftwerke: Rund 50 Trinkwasserfassungen erzeugen bereits rund 9,5 GWh Strom je Jahr. Das zusätzliche Potenzial wird auf etwa 2 GWh jährlich geschätzt und könnte vor allem durch die Erneuerung und Erweiterung bestehender Trinkwasserkraftwerke realisiert werden.

Lohnt es sich?
Insgesamt ergibt sich ein zusätzlich erschliessbares Potenzial von rund 30 bis 40 GWh je Jahr, was dem Strombedarf von 8‘000 durchschnittlichen Schweizer Haushalten entspricht. Das ist sechs Prozent des jährlichen Durchschnitts der aktuellen Wasserstromproduktion im Kanton St.Gallen und wird als gering angesehen. Es ist vier bis fünf Mal geringer als die witterungsbedingte jährliche Schwankung der aktuellen Wasserstromproduktion im Kanton. Die Finanzierung der erschliessbaren Wasserkraft war nicht Teil des Grundlagenberichtes. Die Wirtschaftlichkeit dürfte indessen ein massgebendes Entscheidungskriterium für die Umsetzung der Ideen sein.
Die Regierung beurteilt das zusätzliche Wasserkraftpotenzial von 30-40 GWh pro Jahr als gering, obwohl die Verkleinerung der Winterlücke und die Speicherung der Energie aus den Sommermonaten bis in den Winter durch saisonale Wasserspeicher wünschenswert wäre. Dies auch im Hinblick darauf, dass die Potenziale für Windenergie (300 GWh je Jahr ab dem Jahr 2050) und Solarenergie durch Fotovoltaik (4’300 GWh je Jahr allein auf bestehenden Dachflächen) bei Weitem nicht ausgeschöpft sind.
Den ganzen Bericht 40.25.02 des Regierungsrates findet man mit dem Link oder dem QR-Code auf der Seite ratsinfo.sg.ch.

Ein Trinkwasserkraftwerk kann in Trinkwasserleitungen eingesetzt werden. Es ersetzt dort sogenannte Druckminderer, die es braucht, wenn Trinkwasser aus Reservoirs in grosser Höhe mit zu hohem Druck zu den Wasserhähnen käme. Das deckt nur einen kleinen Teil des Strombedarfs einer Stadt. Wegen der niedrigen Kosten und der geringen Umwelteinwirkung trotzdem eine brauchbare Technik; im Sinne von „jedes Kilowatt zählt“. Die gleiche Technik kann im Abwassernetz, im Tunnelbau oder bei Beschneiungsanlagen eingebaut werden.

Laufkraftwerke sind an Flüssen gebaut und nutzen die Energie des über ein Gefälle fliessenden Wassers. Das Kraftwerk Stadtbrücke in Lichtensteig hat 1820 das erste Wasserrecht im Kanton erhalten. 2013 mit Rücksicht auf den Denkmalschutz erneuert und mit einem bidirektionalen Borstenfischpass ausgestattet, produziert die Anlage rund 2.62 GWh/Jahr.

Für ein Speicherkraftwerk wird das Wasser eines Fließgewässers zu einem Stausee aufgestaut, aus dem es in Zeiten erhöhten Energiebedarfs abfließen und in einem Wasserkraftwerk elektrische Energie erzeugen kann. Durch einen natürlichen Zulauf füllt sich der Speicher von alleine wieder auf. Hier der Chapfensee in Mels, der mit dem Bau der Stauanlage 1946/47 geschaffen wurde und seither ein Naturschutzgebiet von seltener Schönheit mit besonderer Fauna und Flora ist. Mit der Sanierung 2018 ist ein dreistufiges Anlagenkonzept errichtet worden, welches das gleiche Wasser bis zu dreimal verstromen kann.

Ein Pumpspeicherkraftwerk verfügt über zwei oder mehr Speicherbecken. Es nutzt überschüssige Energie im Stromnetz um Wasser aus einem unteren Speichersee in den oberen zurückzupumpen. Bei Spitzenlast kann es wieder aus dem Speicher abgerufen und zur Stromerzeugung genutzt werden. Im Grimselgebiet werden mit acht Speicherseen und 13 Kraftwerken rund 2200 Gigawattstunden Strom pro Jahr produziert.

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